Erfahrungswissen

Mit Erfahrungswissen bezeichnen wir die Fähigkeit Diskriminierungen wahrzunehmen, sie als gewaltvoll zu verstehen und Wege zu finden damit umzugehen. Menschen entwickeln diese Fähigkeit, weil sie Diskriminierung erfahren und darauf reagieren müssen.

Beispiele

Wenn du diskriminiert wirst, weißt du aus erster Hand, welchen Hindernissen du begegnest und wie diese abgebaut werden könnten. Zum Beispiel weißt du als armutsbetroffene Person genau, wieviel Geld ein Mensch aktuell braucht, um ein würdevolles und angstfreies Leben zu führen. Wahrscheinlich hast du Erfahrung mit der strukturellen Diskriminierung durch die Regeln des Jobcenters und vermutlich hast du auch gute Ideen, wie eine finanziell solidarische Gesellschaft aussehen könnte und was dafür verändert werden muss.

Als armutsbetroffene und →genderfreie Person weißt du wahrscheinlich genau, wie häufig Menschen dich und Andere in Gender-Schubladen stecken. Als mehrfach diskriminierte Person lernst du zwischen verschiedenen Diskriminierungen abzuwägen. Zum Beispiel, ob du eine →zwei-gendernde Anrede durch einens Jobcenter-Mitarbeitens ansprechen kannst, ohne zu riskieren noch stärker durch Armut bedroht zu werden. Vermutlich weißt du auch, wie oft solche alltäglichen Gender-Einteilungen gar keine Rolle spielen müssten und wie einfach es wäre, →Gender zu verabschieden.

Menschen, die finanziell →privilegiert werden und den Normal-Vorstellungen von Zwei-Genderung entsprechen, haben kein Erfahrungswissen von →Klassismus und →genderbezogener Diskriminierung. Um diese Diskriminierungen überhaupt wahrzunehmen, können sie von Diskriminierten lernen.

Noch ein Beispiel für Erfahrungswissen gibt es unter: Wie lässt sich strukturelle Diskriminierung verändern?

Von Erfahrungswissen lernen

Das gesammelte Erfahrungswissen von diskriminierten Menschen ist die Voraussetzung und die Grundlage, um diskriminierende Handlungen und Strukturen zu erkennen und zu verändern. Das heißt: Wenn Menschen gerecht handeln wollen, müssen sie diskriminierten Menschen zuhören und ihr gesammeltes Erfahrungswissen berücksichtigen.

Beispiele für gesammeltes Erfahrungswissen sind die Projekte Wheelmap und Queermed. Wheelmap ist eine Landkarte, die →beHindernde Barrieren und rollstuhlgerechte Orte im öffentlichen Raum anzeigt. Sie wird von Menschen mit Erfahrungswissen zusammengetragen und genutzt. Auf der Such-Plattform Queermed teilen Menschen ihre Erfahrungen in medizinischen Einrichtungen, und empfehlen diskriminierungs-sensible Ärztens und barriere-arme Praxen, mit denen sie gute Erfahrungen gemacht haben.

Mehr-als-menschliches Erfahrungswissen: Natürlich sammeln auch nicht-menschliche →Lebewesen Erfahrungswissen und wenden es an. Zum Beispiel singen Vögel in Städten lauter als in ländlichen Gegenden. Sie reagieren damit auf die Erfahrung mit menschlicher Lärmbelästigung. Bäume verändern ihre Form und die Richtung in die sie wachsen, zum Beispiel wenn ein neues Gebäude ihnen das Sonnenlicht nimmt, oder wenn ihre unteren Äste beschnitten werden, damit Menschen dicht an ihnen vorbeifahren können.

Alle Lebewesen auf der Erde haben ein sehr viel älteres Erfahrungswissen als wir Menschen. Umso mehr wir nicht-menschliche Lebewesen beobachten und versuchen von ihnen zu lernen, desto tiefer können wir unser Verbundensein mit ihnen verstehen und danach handeln.